WER IST ILSE LAU?


D I E G E S C H I C H T E
(jede Website braucht eine gute Geschichte)

So oder so ähnlich muss es gewesen sein (langer Text - durchhalten bitte!)

Thomas Fokke, Jahrgang 65, Bassist, gelegentliche Stimme bei Ilse, stolzer Hausbesetzer und Briefmarkensammler, fing schon in den frühen 80ern bei der legendären Bremen-Norder Punkband NEBENWIRKUNG an. Ein bis drei aufgezogene Saiten reichten aus, um zahlreiche Gigs bis rüber in die Staaten zu machen sowie den einen oder anderen Tonträger rauszubringen.
In den 90ern allerdings wurde Punk für ihn eher uninteressant. Er begann, sich für andere Ungemütlichkeiten wie z.B. Jesus Lizard, Barkmarket oder auch Neurosis zu interessieren, woraufhin er schliesslich mit seinem schlagwerkenden Kumpel Schlewi die nur für kurze Zeit existierende Band SLACKJAW gründete.
Schlewi, seines-zeichens ein Freund improvisierter Musik, schleppte Fokke 1996 dann an einem denkwürdigen Tag ins Bremer Überseemuseum, wo Derek Bailey spielte. Dort trafen sie auf jemanden, dem wie ihnen der Eintritt zum Konzert viel zu teuer war. Deswegen ging man lieber in die Kneipe.
Die Rede ist nun von Ansgar Wilken, Jahrgang 71, Gitarrist und Sänger bei Ilse.
Ansgar kommt aus dem allertiefsten Ostfriesland (und so redet er auch, wenn er will). Wenn er nicht gerade als Betreuer für Menschen mit Handicap arbeitet, kauft er entweder Platten mit endlos viel Neuer Musik, Lärm, Jazz, Elektronik, Gitarre und Impro oder organisiert zusammen mit Michael Hohendorf die Knieschussclub - Konzertreihe.
Auf seinem kleinen Kleinstlabel Happy Zloty Records (www.happyzloty.de) erscheint in unregelmässigen Abständen seltsames Vinyl mit Musik von Perlonex, F.S. Blumm, Anne Laplantine oder Julijuni - seinem momentanen musikalischen Seitenprojekt (mit Michael Rieken und Stephane Leonard). Ansgar ist stets an allen Ecken und Enden Bremens anzutreffen, mit Ausnahme von Schwimmbädern vielleicht und nicht vor 12 Uhr mittags.

Zurück.
Als die drei nun in der Kneipe standen und über Now und New Wave, Benelux-Lärm, Free-Jazz, Noiserock und Schwimmbäder redeten, beschlossen sie, zusammen zu proben - direkt zwei Tage später gings los - ohne Derek Bailey.
Nach langem Gefeile an komplexen Instrumentalstücken spielten Ilse Lau 1998 in der Bremer Galerie Herold ihren ersten Liveauftritt und brachten die erste Vinyl-7inch > ROUNDELY < raus. Aufgenommen mit 4-Spur Rekorder und professionell abgemischt (mit einem in die Jahre gekommenen Bass-Fusstreter-Equilizer).
Kaum war sie veröffentlicht, verabschiedete sich Schlewi nach Berlin, um zu studieren und Drumsticks fortan selbst zu schnitzen (dringend benötigt für seine jetzige Death Metal Band, «Death Metal« in Anführungsstrichen und unaufdringlich ausgesprochen) BOLZEN, die 2004 ihre erste 7inch herausbrachte.
Inzwischen hatte Ansgar in einem seiner liebsten Betätigungsfelder, der Spezies Plattenladen, Henning Bosse, Jahrgang 71, Schlagzeuger, Sänger und Teilzeitgitarrist bei Ilse, kennengelernt.
Als waschechter Hannoveraner, der seine Heimat aus wohl verständlichen Gründen gern verleugnet, hatte er nach seiner schwer vom Rockpalast beeinflussten Kindheit bereits seit Mitte der 80er Jahre als Teenie mit Pepita-Anzug zunächst authentischen Sixties-Beat gemacht um, davon abgenervt, in der Comic-Metal-HC-Band FEEDBACK RECYCLING einzusteigen, die in der deutschen HC-Szene Anfang der 90er keine Unbekannten waren. Parallel dazu musste dann stets etwas möglichst Gegensätzliches getan werden, wie z.B. das Mitspielen bei der Shoegazerpopband START STOP und diversen Projekten rund um den Hannoverschen Club Silke Arp-Bricht.
Auch Henning zog zum Studieren um: 1992 gings nach Bremen, und fast parallel gründete er dort mit CHRISTIAN PRZYGODDA (ex-GO PLUS, nun HAUSMEISTER) und FRANK SCHÜLTGE BLUMM das Trio DIE AUCH, das bis 1997 existierte und einige Tonträger herausbrachte wie auch zahlreiche Konzerte spielte.
Heute verdingt Henning sich als Plakatierer, spielt im Improvisations-Dub-Projekt TUMBLEHOME, ist seit kurzem auch Bassist bei HAUSMEISTER und liebt es ebenso, sich in Plattenläden rumzutreiben und vornehmlich nach alten, verstaubten New Wave- und Soul-Platten zu suchen.

Immer noch befinden wir uns mittendrin in der Frühgeschichte von Ilse:
Kaum war Henning eingestiegen, geschah etwas Unerwartetes. Der Bremer Karinettist und Saxophonist Markus Wenninger begann, sich neben Anthony Braxton plötzlich auch für Ilse Lau zu interessieren, die quasi vor der Haustür musizierten. Kurzerhand stieg er ein.
Also neue Klänge und neues Material. Ilse Lau, nicht eben dumm, schaffte es, durch einzigartige Beziehungen und Bestechung The Ex, Laddio Bolocko, Les Savy Fav, Ruins, Flying Luttenbachers oder auch Victims Family zu supporten. Sie übernachtete auf harten Parkbänken und in weichen Wasserbetten. Wurde geliebt, gelobt und verachtet.
Im August 2000 stand dann endlich der erste offizielle CD-Longplayer auf Ansgars Label Happy Zloty (www.happyzloty.de) an. Der Tonträger wurde nach einer holländischen Kuh benannt: > CIE. DE KOE <. Die Musik: hochtouriger, freejazziger und schwer verfrickelter Noiserock (den die Band heute kaum noch ertragen kann). Kaum war die CD fertig, schon verschwand Saxofonist Markus per E-Mail aus der Band. Ilse war bereits woanders und wurde etwas eingängiger, repetetiver, stringenter, populärer undsoweiter.
Die verbliebenen drei sammelten zusätzliche Instrumente, handelten auf Flohmärkten skrupellos mit desillusionierten Musikalienhändlern und trugen Billigorgel, Melodica, Zither, Shenai, Rhönheuler, Saz und Dudelsack in den Proberaum.
Weltmusikplatten wurden auf einen Stapel geworfen, um möglichst interessante Samples in die neuen Stücke einfliessen zu lassen.
So begann Ilse, an einem neuen Gesamtsound zu schrauben, warf die rastlose Hektik langsam schleichend hinaus und liess Kompaktheit, Ruhe, Punktgenauigkeit und Horizontale herein.
Es folgten zahlreiche Konzerte in zahlreichen Städten sowie limitierte Improtapes namens > ATUTUS <.

2001 erschien ein schon ausgewandert geglaubter Bekannter auf der Bildfläche: Gregor Hennig, seineszeichens Mitglied des TripHop-Projekts CZECH sowie der famosen Slayer-Coverband HANNS-MARTIN SLAYER (früher Saprize und Mutant Gods).
Gregor wurde als Produzent angeheuert und nahm das neue Material in seinem Studio auf. Das Hamburger Label FIDEL BASTRO (www.fidel-bastro.de) bekam Wind davon und veröffentlichte Ilses zweite Platte > WIJBREN. DE BEER <. Die damals noch existente EFA nahm die CD in den Vertrieb.
Für Ilse wurde nun einiges einfacher.
Viele Konzerte und neues Material folgten. Spätestens jetzt begann Ilse, sich selbst immer weiter zu entfrickeln (viele habens jedoch bis heute nicht gemerkt).
Neben einer allgemeinen Entschlackung trugen die Stücke plötzlich ein semiakustisches Kleid. Weil gerade das Postrock-Gespenst umging, waren (und sind) Ilse Lau eben auch Postrock. Und Ja-Nein-Vielleicht-Rock. Vielleicht auch irgendwas anderes.

2002. Im Frühjahr bespielte Ilse kurz nach den Aufnahmen zum dritten Album zum ersten Mal die Niederlande und traf dort einen Haufen netter und aufgeschlossener Menschen (Robert und Mars vom VANCE ORCHESTRA, LUKAS SIMONIS - ex- DULL SCHICKSAL, nun LIANA FLU WINKS, VRIL und COOLHAVEN), und andere Menschen rund um um die Rotterdamer WORM-Organisation.
Im Sommer erschien die wiederum mit Gregor Hennig aufgenommene dritte, erstmals auch als Vinyl veröffentlichte Platte > TJEEMPIE. DE KAT < (Fidel Bastro).
Ilse spielte Musik nun breitflächig, episch und popverwandt; der richtig denkende Teil der Presse bemerkte es und feierte sie in einer kleinen Nische ab (nicht mit Sekt auf Eis, sondern eben eher mit Eierlikör).
Erneut folgten zahlreiche Auftritte in Deutschland und den Niederlanden, wo Ilse langsam aber sicher ihr zweites musikalisches Zuhause fand. Das führte zu zwei kleinen Tourneen mit LIANA FLU WINKS und LES ORMORES aus Rotterdam.
Langsam aber sicher erhielt der Groove (ja - genau der !) Einzug in der Band.
Henning hört zuviel aktuellen R&B, HipHop und Funk und ärgert Fokke und Ansgar folglich mit Musik, die sie gern benutzen, nicht aber hören wollen.
Verbunden mit eigenwilliger Bassarbeit und schlauen Gitarrenlinien entsteht etwas, das hier mit alten SST - Helden wie z.B. UNIVERSAL CONGRESS OF und dort mit THIS HEAT assoziiert wird.
Das vierte Album folgte auf dem Fusse. Zwei Jahre waren seit dem letzten Release vergangen - eine erschreckend lange Zeit für Ilse Lau. Gregor Henning nahm die neue Platte in seinem neu eröffneten Rekorder-Studio in Hamburg auf. > DE TINNEN MANNEN < hatte wiederum ein bunt-verspieltes Cover und die Grafik wurde wie gehabt aus dem Altpapier gezogen.
Mit > De Tinnen Mannen < war genau genommen schon der Grundschritt in eine neue Entwicklungsphase begonnen worden, und der Weg hin zum Gesang war gehörig lang. Schon um 2002 herum gab es erste Diskussionen, die ausschliesslich instrumentale Musik durch diese nicht ganz unerhebliche Komponente zu bereichern. Was sprechgesangig losging, wurde weiterverfolgt.

Frühjahr 2005. Vom NAIV SUPER - TEAM (www.naivsuper.de), bestehend aus drei vortrefflich geschmackssicheren Künstlern der HfK Bremen, wurde kürzlich das erste Video (zum Song > Four Pelicans Burp < ) gedreht. Zu sehen ab Herbst 2005 auf dieser Seite und auf allen grossartigen Videokanälen, die es nach der grossen Revolution wieder geben wird.
Es gab nun auch wieder neue Stücke, fast ausnahmlos mit Gesang. Gregor Hennig nahm im Rekorder Studio auf, mischte und mischte sich ein. Musik mit vertrackten Bass- und Gitarrenlinien und Grooves und plötzlich auch melodiöse, z.T. mehrstimmige Gesänge, einige völlig artfremde Samples, viele akustische Gitarren, Fender Rhodes und Hohner D6 Clavinet. Pop und dann natürlich auch wieder nicht, es wird nicht einfacher - aber es wird erschreckend überraschend (im Übrigen lässt Ilse Lau sich zur Zeit noch gerne davon überraschen, welche Labels sich um die Veröffentlichungsrechte streiten und verklagen werden).

Ab Juli 2005 stehen erneut Auftritte in Holland und Deutschland an.

Ilse Lau sind:

Thomas Fokke > bass/voc
Ansgar Wilken > git/voc/toy-piano
Henning Bosse > drums/git/voc/kleinkram